IN FORM: Gruppe “Bewegung” nimmt Arbeit auf
Martin Steinau
28.01.2010 Das Projekt zur Umsetzung des Nationalen Aktionsplan „ IN FORM“ will langfristig Projekte zur Prävention von Fehlernährung und Bewegungsmangel  vernetzen und fördern. Die Auftaktveranstaltung von „IN FORM“ fand im Dezember 2008 statt und wurde vom Bundesministerium für Gesundheit und dem Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz initiiert.

Um eine nachhaltige Gesundheitsentwicklung zu gewährleisten und optimale Ergebnisse zu erzielen, arbeiten die Bereiche Bewegung und Ernährung getrennt voneinander. Auf Einladung des BMG traf sich das Vorstandsmitglied des DVGS, Dr. Martin Steinau, gemeinsam mit Vertretern der Sportwissenschaft, den Sportfachverbänden und Universitäten zu den ersten beiden Veranstaltungen der Sektion “Bewegung“ in Berlin im Bundesministerium.

Was war das übergeordnete Ziel der Treffen Ende des vergangenen Jahres?

Die Vorgaben, Wünsche und Ziele, die durch IN FORM und dem nationalen Aktionsplan gesetzt wurden, sollen jetzt umgesetzt werden. Dafür hat man die Experten der Bewegung, die Bewegungswissenschaftler, und die spezifischen Verbände an einen gemeinsamen Tisch geholt.

Konnten während der ersten zwei Treffen bereits Ergebnisse erzielt werden?

Das erste Treffen war eine Art “Brain-Storming-Treffen“.  Ein grober Tagesordnungspunkt war die Benennung und Erreichung von Zielgruppen. Also welche Zielgruppen muss man ansprechen? Wie motiviert man die Menschen sich mehr zu bewegen? Das Ziel liegt im Wesentlichen darin, Empfehlungen zur Bewegungsdurchführung und -häufigkeit zu geben. Zuerst heißt das entsprechende Schlagworte zu finden, die man an die zugehörige Zielgruppe weitergeben kann. Dazu muss man natürlich auch erst einmal herausarbeiten, welche Empfehlungen man weitergeben kann.

Welche Ziele verfolgt der Arbeitskreis Bewegung?

Die Ziele drehen sich im Wesentlichen um die im Tagesablauf stattfindende individuelle gesamte “Physical Activity” und damit grundsätzlich um jede Steigerung des Energiebedarfs. Für jede Zielgruppe, Jugendliche, Ältere, Menschen mit oder ohne Risikoprofil, sollen konkrete Empfehlungen ausgesprochen werden. Es geht darum, einfache Botschaften zu finden, die die Menschen dazu bringen, körperlich aktiver zu werden. Folgt man beispielsweise amerikanischen Leitlinien, so sollte ein Mensch im Normalfall, sich mit moderater Intensität 150 Minuten/Woche  körperlich betätigen. Doch wie sieht das aus bei einem älteren Menschen mit Herz-Kreislaufleiden? Hier müssen natürlich andere Intensitäten und andere Zeitvorgaben genannt werden.

Was arbeiten die beiden gebildeten Arbeitsgruppen im Einzelnen heraus?

Die eine Arbeitsgruppe durchleuchtet die EU-Leitlinien, wertet die dann entsprechend aus und analysiert, was auf unser Land übertragbar ist. In der Arbeitsgruppe, in der ich tätig bin, geht es darum, genau die Zielgruppen herauszufiltern, Praxisbeispiele zu finden und zu schauen, mit welchen Botschaften man diese Bewegungsempfehlungen transportiert. Plattformen für die Empfehlungen sind dann beispielsweise die Ärzte, die Krankenkassen oder Schulen.

Welche Leitlinien werden bereits von der EU empfohlen oder in den USA herausgegeben?

In den USA wurden beispielsweise vom US Department of Health and Human Services die ‚Physical Aktivity guuidelines for Americans (2008) herausgegeben. In Europa gibt es einen Zusammenschluss von Institutionen und Wissenschaftlern aus über 20 Nationen, mit dem Ziel, ein Netzwerk zur wissenschaftlichen Forschung aufzubauen, um die Gesundheit und Selbständigkeit von Senioren durch mehr Bewegung zu fördern (EUNAAPA – European Network for Action on Ageing and Physical activity)

Bisher wurden die Bereiche Ernährung und Bewegung zusammen behandelt? Was ist der Vorteil, dass der Bewegungsbereich jetzt eigenständig handeln soll?

Um dem Thema Bewegung den entsprechenden Focus zu geben, ist es notwendig, die beiden Bereiche (zunächst) im Sinne der Aufgabenstellung getrennt voneinander zu bearbeiten. In vielen Untersuchungen wurde festgestellt, dass sich das Ernährungsverhalten geändert hat, dass die Lebensmittel nicht mehr so fetthaltig sind. All das hat stattgefunden, währenddessen die Menschen im Durchschnitt aber trotzdem übergewichtiger geworden sind. Dies gleichzeitig vor dem Hintergrund des Rückgangs der Bewegung.

In unserer Gruppe Bewegung haben wir uns jetzt zweimal getroffen. Wir befinden uns also in der Anfangsphase, aber was als positiv zu bewerten ist, dass zum ersten Mal und offiziell auf dieser Ebene Vertreter der Bewegungswissenschaft, für die das Thema Bewegung ein eigenständiges Thema ist, hoch aufgehängt vom Bundesministerium begleitet werden. Bisher wurden die Bereiche Ernährung und Bewegung immer miteinander gekoppelt  behandelt. Jetzt ist es so, dass wir als Bewegungsfachvertreter an so herausgehobener Stelle das Thema mit steuern und bearbeiten können.

In der Diskussion um ein Präventionsgesetz ist es ruhig geworden. Welche Rolle spielt ein mögliches Präventionsgesetz bei der Arbeit von IN FORM?

Im Moment scheint es so zu sein, dass das Gesetz wohl nicht weiter verfolgt werden wird. Aber dazu gibt es kein offizielles Statement. Es besteht der Eindruck, dass von Seiten der Krankenkassen derzeit auch mehr der Förderungsschwerpunkt auf der Sekundär-, als der Primärprävention liegt. In meiner Funktion als Verbandsvertreter auch für den Gesundheitssport bedauere ich natürlich, dass das Gesetz nicht die letzten Hürden hat nehmen können, um damit Folgeschäden und –kosten verringern zu können. Es ist mehr denn je umso wichtiger, dass sich jeder selbst zur Prävention verpflichtet fühlt und die Verantwortung für seinen Körper, seine Leistungsfähigkeit und damit auch seine Lebensqualität bereit ist zu tragen.

Wie kann erreicht werden, dass sich die Bevölkerung mehr bewegt und um die Wichtigkeit von Bewegung erfährt? Welche Voraussetzungen und Bedingungen sind dafür notwendig?

Dies gelingt nur auf der Basis von Einstellungs- und Verhaltensänderungen. Alle Konzepte des DVGS zielen schon lange hierauf ab, um dies zu erreichen. Wir müssen Wissen vermitteln über u.a. Risikofaktoren sowie die  Effekte von körperlicher Bewegung. Wir müssen  Emotionen wecken und konkrete Anleitung zur Bewegungsdurchführung (welche, wie Belastung steuern) geben. Der einzelne wird sich nur „bewegen“, wenn er glaubt, dass er Nutzen davon hat und dass das körperliche Tun möglichst mit Wohlgefühl verbunden ist. Dies auch schon aus dem Gefühl heraus, den inneren Schweinehund überwunden zu haben. Diese Prozesse lassen sich am besten initiieren durch einen Anschubkurs, der von qualifizierten Kursleitern/Sporttherapeuten gegeben wird, die qualitätsgesicherte Bewegungsprogramme vermitteln. Um die kontinuierliche Bindung an Bewegung/Sport zu fördern, ist dann die Weiterleitung in schon bestehende Kurse sinnvoll.

Wie wichtig ist eine Initiative wie IN FORM und wie wird sich Ihre Arbeit konkret in diesem Jahr weiter gestalten?

Eine Bewegung wie IN FORM ist sehr wichtig. Wir brauchen die Politik um möglichst viel Unterstützung  für die Verbreitung der „Bewegungsbotschaft“ zu gewinnen. Alleine nur von wissenschaftlicher Seite her gelingt eine flächendeckende Umsetzung  nicht. Dadurch, dass die Bundesregierung, sprich das Gesundheitsministerium, sich das Bewegungsthema solchermaßen auf die Fahne schreibt, wird ja auch dessen Bedeutung herausgestrichen und zeigt, dass Handlungsnotwendigkeit besteht, um die Gesundheitskosten in Zukunft nicht noch schneller steigen zu lassen.

Beim nächsten Treffen in zwei Monaten werden zunächst die beiden gebildeten Unterarbeitsgruppen wieder zusammengeführt. Der Wunsch aller ist natürlich, dass es bereits Ende dieses Jahres erste konkrete Ergebnisse gibt.