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Acht Prostatakrebspatienten unterwegs von Köln nach Marseille
Nach anstrengenden 1400 km ist das Ziel erreicht
29.06.2010 Knapp 1400 km mit dem Fahrrad von Köln nach Marseille; tägliche Etappen von 60 km und mehr. Viele Höhenmeter,  Anstiege über sechs Prozent Steigung, die in der „Tour de France“ unter die Berganstiege der dritten Kategorie fallen.

Acht Männer zwischen 66 und 70 Jahren stellten sich der Aufgabe, diese Strecke mit purer Muskelkraft zu überwinden, eine Aufgabe, die schon jeden trainierten Radler herausfordert. Nur: Diese Acht hatten noch ein weitaus größeres Handicap zu überwinden. Alle hatten eine bittere Diagnose von ihrem Arzt erhalten: Prostatakrebs. Zwar lag der Zeitpunkt unterschiedlich lang zurück, aber keiner der Patienten hatte die erleichternde Botschaft erhalten: Sie sind geheilt.

Sie alle haben den Kampf angenommen und sich die Devise gesetzt: „Ich habe Krebs – und ich schaffe das trotzdem.“ Zwar können Sport und Bewegung den Krebs nicht heilen, aber sie können wesentlich bei der Bewältigung helfen. Mit der spektakulären Aktion, die unter der wissenschaftlichen Leitung von Projektleiter Dr. Freerk Baumann, Prof. Dr. Wilhelm Bloch und Prof. Dr. Klaus Schüle von der Deutschen Sporthochschule in Köln stand, wollten die Männer auch ein Tabu des Schweigens brechen, welches das Thema Prostatakrebs umgibt.

Männer gelten häufig als schweigsam und können durch ihr Schweigen die seelischen Belastungen schlechter bewältigen. „Durch den fehlenden Erfahrungsaustausch wird die Krankheitsbewältigung eingeschränkt. Wir hoffen daher, dass sich die Betroffenen untereinander mit Hilfe der entstehenden Gruppendynamik vermehrt über ihre Erfahrungen austauschen“, erläutert DVGS-Vorstands-Mitglied Dr. Baumann diesen Ansatz.

Die Radtour erwies sich nicht nur als körperlich sehr anstrengend, sondern wurde auch eine echte emotionale Herausforderung. Alle befanden sich bereits vorher in einer psychischen Ausnahmesituation. Zusätzlich jeden Tag viele Kilometer im Sattel mit vielen kräftezehrenden Höhenmetern, dem Wetter fast ohne Schutz ausgesetzt, blieb nicht ohne Wirkung. Gleich am ersten Tourtag gerieten die Männer in heftige Regenfälle und es sollten weitere verregnete Tage folgen. Wind und später Hitze wurden ebenso zu Begleitern während der Reise. Dies sollten nicht die einzigen Unwägbarkeiten bleiben. Schon bald erhöhten noch technische Defekte und Fehler bei der Navigation die bestehenden Belastungen.

Noch vor der Hälfte der zu absolvierenden Gesamtstrecke war eine erste Krise in der Gruppe die Folge. Diese wurde bald bewältigt, doch der nächste Schock ließ nicht lange auf sich warten - der erste Sturz, der glücklicherweise glimpflich ausging.
In den folgenden Tagen wurde nicht nur die 1000 Kilometer-Marke geknackt, sondern es wurden unter anderen vier massive Berganstiege bewältigt – ein echter Kraftakt, den alle gemeinsam meisterten.

Nach 28 Tagen erreichte die Gruppe nach einer anstrengenden letzten Etappe mit vielen Anstiegen und einer ungewohnt verkehrsreichen Innenstadtdurchfahrt das Ziel: Marseille.
Geschafft, mehr als glücklich, waren sich alle acht Krebspatienten einig: Sport gehört zu einem positiven Leben mit und nach Krebs!
Hier können Sie die Tagebucheinträge eines der Mitradlers lesen: www.prostatakrebs-bps.de.
Es muss allerdings nicht immer gleich eine Alpenüberquerung sein. In vielen Fällen reichen auch schon 1000 zusätzliche Schritte täglich.

Dr. Freerk Baumann von der Deutschen Sporthochschule (DSHS) und Initiator der Tour weiß genau, wie wichtig solche körperlichen Erfahrungen und das neu gewonnene Vertrauen in den eigenen Körper nach so einer Erkrankung sind. „Die wissenschaftlichen Untersuchungen vorangegangener Projekte haben eine nachhaltige Verbesserung der Lebensqualität gezeigt. Außerdem konnte eine Senkung der freien Radikalen festgestellt werden. Die freien Radikalen können mitverantwortlich für eine Krebserkrankung sein.“

„Durch individuelle Herausforderungen, wie z.B. im Extremfall solch eine Radtour, können die Patienten das Vertrauen in ihren Körper wiedererlangen. Damit verbunden ist auch eine größere Erlebnisfreude und eine Stabilisierung der Psyche“, berichtet Günter Feick, der Vorsitzende des Bundesverbandes Prostatakrebs Selbsthilfe e.V. (BPS). Rund 12 000 Männer sterben jedes Jahr in Deutschland an Prostatakrebs, dies ist damit nach Darm- und Lungenkrebs die dritthäufigste krebsbedingte Todesursache. Trotz dieser Häufigkeit und der Vielzahl der jährlichen Neuerkrankungen, die nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts bei über 60 000 liegt, ist Prostatakrebs ein Tabuthema.

Weitere Informationen sind über die oben angegebene Internetadresse zu beziehen oder über f.baumann@dshs-koeln.de

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