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Interview Freerk Baumann: Den Kliniken fehlt es an neuen, innovativen Ideen
16.07.09 Freerk Baumann wurde soeben mit seinem Projekt "Über den Berg - Krebspatienten wandern in ihr Neues Leben" mit dem Helmut-Wölte-Preis für Psychoonkologie 2009 ausgezeichnet. Dr. Freerk Baumann hat mit seinem Team Wandern als optimale Strategie genutzt, Probleme wie Ängste und Depressionen, Abnahme der körperlichen Aktivität und damit Minderung der Lebensqualität, die häufig in der Krebsnachsorge auftreten, zu bewältigen. Im Interview spricht er nicht nur über die positiven Effekte der Bewegung bei Krebspatienten, sondern auch über die Verantwortung des Gesundheitssystems und der Rehabilitationskliniken.   

Frage:  Sie veröffentlichen am 12. Oktober ihr Buch: „Die Macht der Bewegung.“ Was sind die angesprochenen „bahnbrechenden neuen Erkenntnisse der Bewegungstherapie“ bei Krebspatienten?

Freerk Baumann: Durch simple, einfache Methoden wie das Wandern waren in der Krebsnachsorge sehr große Effekte zu beobachten, die auch nachhaltig wirken. Die Patienten wurden selbstbewusster, lernten ihren Körper wieder neu kennen und bauten ein Vertrauen zu ihm auf. Dadurch konnten die Betroffenen ihre Lebensqualität deutlich verbessern. Das ist ein wichtiger Schritt in der Krankheitsbewältigung. Darüber hinaus zeigte sich, dass die Stressmarker im Blut deutlich abnahmen, im Gegenteil sogar ein „Stressschutz“ aufgebaut wurde. Erstmalig konnten wir damit Verbesserungen auf psychischer und psychosozialer Ebene von Krebspatienten feststellen, die nachhaltig wirkt! Wanderungen können demnach durchaus eine ernst zunehmende Alternative in der Rehabilitation sein.

Frage: In dem Buch gehen Sie hart mit den Rehabilitationskliniken ins Gericht. Wo liegen die Kritikpunkte?

Freerk Baumann: Die Verantwortung für die unbefriedigende Situation tragen weniger die Rehabilitationskliniken, als vielmehr das Gesundheitssystem. Es fehlt an Differenzierung und den Alternativen zu den stationären Rehabilitationskliniken. Jeder Patient in Deutschland hat ein Anrecht auf einen dreiwöchigen Aufenthalt in den Rehabilitationskliniken. Nur in seltenen Ausnahmefällen ist eine einwöchige Verlängerung möglich.

Zum einen frage ich mich, nach welchen Kriterien die drei Wochen festgelegt wurden, und wie man in der kurzen Zeit nach psychologischen aber auch trainingswissenschaftlichen Gesichtspunkten effektiv und nachhaltig therapieren kann? Es wird nicht individuell entschieden: Mancher Mensch gehört eben besser in eine stationäre Rehabilitationsklinik, der andere möglicherweise eher in eine ambulante, und der nächste in psychologische Reha-Programme oder gar in ein Bewegungsprogramm im Grünen. Das heißt, es muss eine inhaltliche und eine zeitliche Differenzierung erfolgen, die individuell zurechtgeschnitten werden muss. Den Kliniken fehlt es auch an Attraktivität und Innovation! Neue Ideen müssen her. Da geht es weniger um die Masse an Therapien, als mehr um die individuelle Klasse.

Frage: Gerade die Psyche spielt bei Krebspatienten eine große Rolle. Viele Patienten fallen während und nach der Therapie in ein großes dunkles Loch. Wie fängt dies das Gesundheitssystem auf?


Auch auf die Psyche wird viel zu wenig Rücksicht genommen. Zurzeit sieht es so aus, dass alle Patienten in eine Klinik kommen, und das übliche Programm angeboten wird, ohne den individuellen Hintergrund zu berücksichtigen. Das ist vorwiegend die Kritik an den Kliniken: wissenschaftliche Neuheiten finden viel zu langsam Anwendung in der Praxis! Hier bedarf es einer besseren Infrastruktur, einer besseren Zusammenarbeit zwischen den vielen Berufsgruppen und auch ein deutlich besserer wissenschaftlicher bzw. inhaltlicher Austausch! Rehabilitationskliniken sind zu stark „verinselt“!

Frage: Welches Potenzial wird versäumt, weil Bewegung als Therapieform in der Krebsbehandlung  weggelassen wird?

Freerk Baumann: Es wird vor allem versäumt, die Potentiale des Patienten, die jeder hat, zu stärken. Noch immer wird zu sehr an den Defiziten gearbeitet. Das ist eine alte, traditionelle Methode, die man nicht ganz dämonisieren darf, aber der Schwerpunkt sollte unbedingt verlagert werden. Darüberhinaus wird tatsächlich Bewegung immer noch viel zu wenig und häufig auch falsch eingesetzt. Selbst Tumorpatienten können deutlich intensiver Bewegungstherapie erleben, mit viel besseren, schnelleren und nachhaltigen Effekten. Krebsbetroffene in der Nachsorge sind schließlich nicht aus Zucker. Sie haben wahnsinnige Potentiale, die der Therapeut zu wecken hat!

Frage: Durch die hohe Anzahl der jährlich neu an Krebserkrankten, sprechen Sie von gravierenden sozioökonomischen Konsequenzen? Wie ist das zu verstehen und wie kann man diese umgehen?  

Freerk Baumann: Jährlich erkranken in Deutschland 436.000 Menschen neu an Krebs. Es wird geschätzt, dass wir in Deutschland zwischen 5 und 7 Millionen Menschen haben, die Krebs haben oder hatten. Die onkologische medizinische Therapie gehört zu den teuersten, die überhaupt existieren. Alleine die Anti-Hormontherapie bei Brustkrebs kostet mehr als 40.000 € pro Jahr. Würde man hier die Kosten für die notwendigen Chemotherapien, OPs, Bestrahlungen etc. zusammenrechnen, so ist man dann sehr schnell in den 6stelligen Beträgen. Durch jenen medizinischen Fortschritt hat sich die Prognose der Krebspatienten glücklicherweise deutlich verbessert. Zurzeit verschläft aber die Reha-Szene diese Entwicklung, denn viele Patienten sind noch jung und erwerbsfähig. Wir müssen hier unbedingt eine effektive und vor allem differenzierte Reha anbieten, um sie wieder für das Arbeitsleben vorzubereiten. Denn demgegenüber steht die Rehabilitationsklinik, die je nach Erkrankung nur etwa 2.000 bis 2.500 € zur Verfügung hat. Wie man damit eine gute, nachhaltige Qualität anbieten kann, bleibt ein Rätsel.

Frage: Warum ist gerade bei Krebspatienten eine Nachsorge so wichtig?

Freerk Baumann: Eine Krebserkrankung bedeutet immer einen großen Schock, der lange anhält, das Leben ist nicht mehr das gleiche, was es vorher war. Das bedeutet, viele Patienten versuchen berechtigterweise wieder das Leben zu bekommen, was sie vor der Erkrankung hatten. Sie wollen wieder dorthin zurück. Das funktioniert jedoch nur mit einer erfolgreichen Krankheitsbewältigung, und dann ist es auch kein Weg zurück, sondern nach vorne! Das ist die Hauptaufgabe der rehabilitativen Nachsorge. Dies jedoch innerhalb von 3 Wochen Rehabilitationsklinik zu schaffen, nachdem die Patienten über viele Monate manchmal sogar Jahre in der Akutbehandlung waren, gleicht einem Wunder.


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